Azrael

Es war ein warmer Tag im Spätsommer. Seit Tagen der erste, an dem es nicht regnet. Es war ein kalter Sommer; denkt man an den vorangegangenen, kommt man sich vor, als würde etwas Wichtiges fehlen. So ging es ihm auch, er fühlte sich, als würde ihm etwas fehlen. Etwas, was ihn eigentlich ausmachte.
Er stand am Fenster und blickte auf die sonnenbeschienen Felder und Berge der Umgebung; keine hohen Berge, ländliche Hügel, die sich rings um ihn erstreckten, bewachsen von dichten Wäldern. In der Ferne ein weiteres Dorf, kleiner als das, in dem er lebte. Eine Wolke zog still darüber hinweg und tauchte es in ein angenehmes Zwielicht. Ein sommerlicher Duft umwehte seine Nase. Von solchen Momenten wünschte er sich immer, dass sie nie enden würden.
Doch das taten sie nun mal, das wusste er. Aber für diesen Augenblick, diesen einen kurzen Moment, stand die Zeit und die Welt für ihn still – kein Denken an die Zukunft, kein Erinnern an die Vergangenheit, keine Sorge, was mit der Welt alles passieren würde oder könnte – leben für den Augenblick. Ein kleiner roter Vogel flog am geöffneten Fenster vorbei.
So hätte es ewig weitergehen können, würde es nach ihm gehen. Aber das tat es nicht. Er wusste es. Er spürte es. Ein Seufzer kam ihm über die Lippen: „Bald...“
Schon früh hatte er es gespürt. Anfangs war es eine blasse Ahnung, aber das Gefühl wurde immer stärker, dass er eine Aufgabe hatte. Und auf einmal war es da, das Wissen um ihn, das Wissen um Sie. Er wusste, was zu tun ist. Diesmal würde er sein eigenes Spiel spielen.
Er ging an seinen PC, setzte sich die Kopfhörer auf und schaltete die Musik ein. Ab und zu schloss er die Augen, lehnte sich zurück und versank ganz in den Klängen. Sein Atem wurde ruhiger, gleichmäßiger, er konzentrierte sich nur noch auf die Geräusche, lebte für sie. Er hörte gern Musik. Eigentlich alles querbeet, außer einige wenige Richtungen. Er fragte sich, warum gerade diese ständig auf den Musiksendern gespielt wurden.
Wenn ihm etwas nicht gefiel, dann hatte das gute Gründe. Er sah zwar ein, dass andere das Gedudel, wie er es definierte, vielleicht mochten, aber dass er so stark damit konfrontiert wurde, veranlasste ihn dann doch, dass er die Sender mied und lieber die eigene Sammlung bemühte. Hier konnte er auch wählen, was er hören wollte, je nach Stimmung. Was allerdings oft das selbe war, da er sich meistens in seiner Standard-Stimmung befand: eine nachdenkliche, traurige, aber doch freundliche, frohe Stimmung, alles zugleich. So fühlte er sich wohl.

Die Tage zogen dahin, der Sommer ging vorüber, der Herbst kam. Und mit ihm die Farben, der Duft. Der nunmehr kalte Wind brachte den typischen Geruch, der diese Jahreszeit so besonders machte: Etwas frisches, tiefes, würziges, aber auch schon eine leise Ahnung von Frost und Schnee. Die Nächte wurden kälter und dunkler, die Sterne dafür um so heller. Den Sommer über hatte er sich entspannen wollen, aber es blieb ihm verwährt. Es war nicht so, dass er keine Zeit dafür hatte, Zeit hatte er genug. Aber etwas in ihm war in Bewegung, war unruhig, trieb ihn zur Ruhelosigkeit, zur Wachsamkeit. Wenn er die Augen schloss, war sein Geist wie die tobende See. Entspannte er sich, kamen ihm Gedanken an die Zukunft, und er konnte sie nicht verdrängen. „Der Tag rückt immer näher“, dachte er.

Er war gerade unterwegs, als es anfing zu regnen.
Wasser. Zuviel oder zu wenig davon, und es bedeutet den Tod. Aber alles dazwischen bedeutet Leben. Jetzt kam eindeutig zuviel davon vom Himmel. Nicht soviel, dass es tödlich gewesen wäre. Schade eigentlich, dachte er, es hätte vieles einfacher gemacht. So wurde er nur nass. Es war dunkel und es war kalt. Nicht gerade die ideale Situation, um nass zu werden. Ein gerauntes „Ich hasse Regen“ kam über seine Lippen. Noch dazu fuhr in diesem Moment sein Bus an ihm vorbei in Richtung Haltestelle. „Hm. Toll.“ Er rannte los.
Noch bevor der Bus zum Stehen kam, hatte er die Haltestelle erreicht. Er stieg ein, fuhr nach Hause und hasste den Regen noch mehr. Auf den letzten Metern fing es richtig an zu schütten. Zuhause warf er die nasse Jacke über einen Stuhl in der Ecke, trocknete seine Haare und sein Gesicht ab und setzte sich auf die Couch. Dann nahm er sich eine der Kerzen, die auf dem kleinen Tisch vor ihm standen, einfache Teelichter, und zündete sie an. Ein schöner Anblick an diesem schlechten Tag. Er starrte in die Flamme und ließ seinen Gedanken schweifen.
Flackerndes Licht in der Dunkelheit, tanzender Geist des Vergehens. In einem Moment strahlt sie noch so hell wie die Sonne, im nächsten Augenblick erinnert nur noch ein dünner Schleier grauen Rauchs an ihre Existenz. So ging es oft. Du kannst im Leben noch so hell gestrahlt haben, am Ende bist du nicht mehr als ein grauer Schatten, flüchtig in den Gedanken wie der Rauch der Kerze im Wind.
Plötzlich entstand ein Bild vor ihm. Die Flamme sowie die Welt um ihn herum wurden verdrängt. Ein ruhiges Meer. Sonnenbeschienene Felder. Ein kleiner roter Vogel fliegt darüber. Der Wind ist mild und sanft. Und dann das Inferno. Feuer lodert auf. Wasser frisst sich ins Land und fordert zurück, was aus ihm entstiegen ist.
Ein Feld. Krieger zu beiden Seiten. Dunkelheit in der Luft und in den Köpfen. Dann ein Blitz. Ein gleißendes Licht. Alles oder Nichts.
Er erkannte die Szenerie. Ein Blick in die Vergangenheit, aber zugleich auch ein Blick in die Zukunft. Aber er erkannte noch etwas in den Wirren dieses Kampfes, an dem er selbst schon so oft teilgenommen hatte. Einen Ort. Das fehlende Stück seiner Erinnerungen. Sein Weg war jetzt klar.

Die Tage gingen ins Land, die Wochen zogen an ihm vorbei. Dann war es soweit. Sie zeigten sich.
Es hätte ein Tag sein können wie jeder andere. Er lief durch die Fußgängerzone. Wenig Menschen waren unterwegs. Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten, er wurde verfolgt. Letzteres war genau der Punkt, warum dieser Tag anders war als die Andern. Sie hatten ihn gefunden.
„Es wurde aber auch langsam Zeit, noch länger, und ich hätte ernsthaft an meinem Geisteszustand gezweifelt!“ Die beiden Fremden blieben verärgert stehen.
„Tu nicht so großspurig, komm mit uns, und alles ist vergessen! Du kennst deine Aufgabe, also füge dich deinem Schicksal!“
„Das hat letztes Mal schon nicht geklappt, damals war ich nur unvorbereitet. Aber wie ihr seht, lerne ich schnell.“ Er stand hinter ihnen, wie aus dem nichts. „Sagt euren Herren, dass ich diesmal entscheide, was passiert!“
„Dein Vater wird nicht gerade begeistert darüber sein, Diener!“ sprach der eine.
„Dein Bruder ebenfalls nicht, Waffe!“ sprach der andere. Beide hatten recht, und gewaltig untertrieben.
„Damit müsst ihr klar kommen, meine Freunde. Aber ein bisschen Abwechslung wird den beiden Hitzköpfen ganz gut tun.“ Sein Lächeln und sein Blick ließen die beiden Boten nun endgültig begreifen, wie ernst er es meinte. Sie gingen getrennter Wege.
„Jetzt heißt es, noch mehr üben.“ Er schaute zum blauen, mit kleinen Wolken durchzogenen Himmel auf, der bald schon nicht mehr ganz so blau sein würde, gelinde ausgedrückt. In den nächsten Tagen würde er ihnen das Schlachtfeld nennen. Aber vorher würde er noch einmal alles in Ruhe durchgehen.

Er nahm Kontakt mit ihnen auf. Er brauchte sich nur auf sie konzentrieren.
„Die Wüste. Iunu. Das soll das Schlachtfeld sein!“
Plötzlich tauchten hinter ihm die beiden Boten auf. Und mit ihnen je fünf andere, in lange Mäntel gekleidete Gestalten.
„Hoheit, wir sind gekommen, um Euch zu eskortieren.“ Der plötzlich formelle Ton ließ ihn zum einen erschaudern, zum anderen machte er ihn sauer.
„So war das nicht abgemacht!“
„Diesmal werdet Ihr mitkommen, dafür haben wir gesorgt, egal, für wen Ihr euch entschieden habt! Sie meinen es ebenfalls ernst, wisst Ihr?“ Die Männer mit den Mänteln schlugen ihre Kapuzen zurück und ließen jetzt keine Zweifel mehr darüber zu, was sie waren.
„Priester? Sie senden Priester, um mich gefangen zu halten? Ich hab ihnen ja viel zugetraut, aber dass sie so wenig in mich vertrauen, hätte ich nicht gedacht!“
„Nach Eurem kleinen Versteckspiel, dass Ihr bis vor einigen Tagen mit uns gespielt habt, dürft Ihr uns diese Maßnahme nicht verübeln, Hoheit!“
„Nennt mich nicht ständig Hoheit! Eure geheuchelten Floskeln könnt ihr euch sparen, ich kenne meinen Rang nur zu gut.“
„Mein Fürst, sowohl Euer Vater als auch Euer Bruder fürchten, diesmal könnte Eure Entscheidung weitreichendere Konsequenzen haben, die selbst sie nicht sehen können.“ Wie recht sie doch haben sollten, dachte er.
Mit einem Flackern waren die Priester und Boten mit ihm verschwunden. Jetzt standen sie mitten auf dem Schlachtfeld. Zumindest auf dem, was sie daraus gemacht hatten.
„Ich sagte, die Wüste! Das hier ist solider Felsboden!“
„Nun, sie waren sich darüber einig, dass sie es doch ein klein wenig der Situation anpassen sollten!“ Ein Schmunzeln spielte über die Lippen des nun in schwarz und rot gekleideten Boten. Der andere trug eine Kombination aus weiß und blau. Beide Outfits waren hoffnungslos veraltet, und das seit Jahrtausenden. Er trug immer noch seine schwarze Jeans, sein schwarzes T-Shirt, und ein ebenso schwarzes Hemd darüber. Und einen silbernen Reif auf seinem Kopf. Er hasste dieses Ding.
“Ihr hättet ruhig etwas modernere Kleidung wählen können, bei euch beiden wird sie sowieso nicht schmutzig.“
„Spart Euch Eure Scherze, mein Fürst.“ Das ‚Fürst’ klang wenig überzeugend. „Geht jetzt, und tut Eure verdammte Pflicht!“
Sie stießen ihn vorwärts, auf die Mitte der zur Arena gewordenen Wüste zu. Er musste umdenken.
Rings um ihn standen sie, die Soldaten beider Seiten. Ihr Tod sollte über die Herrschaft eines einzelnen entscheiden. „Wie...kindisch“, dachte er. In ihren Augen funkelte Wut, Fanatismus, der Glaube, für die einzig wahre Sache zu sterben. „Törichte Narren. Gut, dass sie nicht wissen, dass sich das alle Furz lang wiederholt“, murmelte er.
„Seid endlich still! Geht, wählt, die Zeit ist gekommen! Und diesmal könnt Ihr Eure Tricks hier vergessen!“ Sie wollen also spielen.
Von dem Bann der Priester umhüllt, stand er nun genau zwischen den Fronten. Die Boten standen ihm gegenüber. „Wähle, Waffe!“ „Wähle, Diener!“ Er stand da und konzentrierte sich. „Wähle!“ Er holte den Rest Erinnerung hervor, den er so tief in sich verborgen hatte. Die Erinnerung an einen alten Ort, der hier einst war. Und jetzt wusste er genau, wo. „Wähle endlich! Zögere es nicht so heraus!“
Dann geschah das, was die Boten nie für Möglich gehalten hätten. Er trat aus dem Bannkreis heraus. Was ihn eigentlich hätte halten sollen, hatte ihn nie wirklich gehalten. Er hatte sich auf ihr Spiel eingelassen, hatte sie in dem Glauben gelassen, alles liefe nach ihrem Plan. „Wie...wie?“ brach es aus ihnen hervor.
„Nakir, Munkar, ihr müsst noch viel lernen!“ Er trat einen Schritt vor und trennte beiden mit einem Hieb seiner Hand die Köpfe ab. Die Boten der Götter verloren ihre physischen Hüllen zum ersten Mal, seit sie existierten. Die Priester flohen. Dann begann es. Der Augenblick, auf den er gehofft hatte, trat nun endlich ein. Die Armeen des Guten und des Bösen stürmten auf ihn los. Doch sie hatten zu spät begriffen, sie waren trotz des Steinbodens zu langsam. Ein gleißendes Licht ging von ihm aus. Dann wurde es still um ihn.

Er erwachte. Diesmal war es nicht eines dieser Erwachen, das man morgens spürt. Er erwachte in dieser Welt. Seine Erinnerungen kehrten zurück. Er wurde sich seiner Kräfte erneut bewusst. Ein Schrei drang aus seiner Kehle, ätherisch wie der Wind, mächtig wie eine Lawine, und so alt wie tausend Leben. Für einen Moment erstarrten die beiden Armeen, die Zeit gefror. Jetzt sah er das eine Bild, was er noch nie gesehen hatte, was ihm all die Jahre verwehrt geblieben war, nach dem er sich so lange gesehnt hatte, all die Zeiten, all die Leben. Das Bild perfekten Friedens. Er hörte Ihre Stimme Und dann fiel er. Es war kein wirkliches Fallen, kein physisches. Er fiel durch die Zeit. Er sah moderne Staaten, dann die antiken Hochkulturen, alles lief rückwärts. Er sah Katastrophen, er sah, wie sich die Welt veränderte. Und dann sah er die Zeit vor den Menschen, vor den Tieren, ja vor allem Lebenden.
Er stoppte. Oder vielmehr wurde gestoppt. Wesen erschienen vor seinen Augen, körperlos, und doch präsent. Wille, Energie, er konnte es nicht beschreiben, und doch war es ihm vertraut. Er spürte den Fluss der Zeit nicht mehr, sie hatte hier keine Bedeutung. Nur noch diese Wesen. Er fühlte sich so frei, so gut, so zuhause.
Dann fühlte er Wut. Nicht seine Wut, er spürte die Wut der Wesen. Die Wut aufeinander. Eines der Wesen schien sich aus der Menge zu erheben. Viele folgten ihm, doch einige wiedersetzten sich. Die Gefühle, die sie in ihm auslösten, waren unbeschreiblich. Schmerz, Wut, Hass, Leid und eine seltsame Art von Traurigkeit, alles zugleich und in einem erdrückenden Maß. Als er glaubte, zusammenzubrechen, sah er sich plötzlich mitten in der Menge. Was dann geschah, lief wohl in einem einzigen Augenblick ab, und doch kam es ihm wie eine Ewigkeit vor. Stille, nichts rührte sich. Er fühlte immer noch den Hass, die Wut, aber auch eine tiefe Trauer von irgendwoher. Und mit einem Mal war alles vorbei. Ein Licht, heller als die Wesen, durchdrang alles um ihn herum. Die Wesen wurden fortgerissen, fort von dieser Welt. Auch er wurde fortgerissen. Das nächste, das er sah, war die Welt, wie er sie kannte, mit ihren Pflanzen und Tieren.
Er flog über einen dichten Wald, über wüstes Land, über Siedlungen, hin zu der Stelle, an der eben noch die Wesen gestanden haben. Er spürte, dass dies die Stelle war. Sie strahlte eine enorme Energie aus. Menschen kamen, die auch diese Energie spürten, und bauten hier einen Tempel.
Die Zeit verlief nun wieder sprunghaft, die Menschen veränderten sich, und nach einer langen Zeit spürte er SIE wieder. Die Wesen, die er damals gesehen hatte, waren wieder da. Er spürte sie in den Herzen und Gedanken der Menschen. Sie kämpften immer noch gegeneinander. Und sie erkannten ihn wieder. Er, der sie damals aufgehalten hatte, er, der die Stille brachte, er, der alles verändert hatte – Er, der die Kraft besaß, er, der die Waffe ist. Und nun kämpften sie nicht mehr um die Herrschaft allein, sie kämpften jetzt um ihn. Und da ihm die Menschen leid taten, die für all das sterben mussten, beugte er sich dem Willen einer Seite und vernichtete die andere fast gänzlich. Dabei wurde auch er wieder vernichtet. Doch er war nicht tot. Er würde wieder erwachen, und dann würde es von neuem beginnen.
Der Fluss der Zeit zerrte nun wieder an ihm, in Richtung hier und jetzt. Doch plötzlich spürte er noch etwas anderes, zunächst schwach, hintergründig, dass aber schnell intensiver wurde. Es war dieselbe Traurigkeit, die er gespürt hatte, als die Wesen den Krieg begannen. Und jetzt spürte er auch das Wesen dahinter. Ein Pulsieren ging durch seinen Körper, ging durch Raum und Zeit, riss ihn weit aus dem Gefüge der Wirklichkeit. Er befand sich nun noch vor der zeitlosen Zeit der Wesen, an einem Punkt, an dem die Welt selbst noch jung war. Und er hörte Sie flüstern: „Jetzt weißt du es.“
Er öffnete die Augen und war wieder auf dem Schlachtfeld, inmitten der beiden Armeen. Mit einer Geste ließ er sie alle erstarren. Wo eben noch die Kämpfer von Gut und Böse aufeinander zugestürmt kamen, schienen jetzt zwei Wälle aus Statuen eine schmale Gasse zu bilden, in der er stand. Selbst der Staub um sie herum hing in der Luft wie eine zu Eis erstarrte Wolke. Eine Tür öffnete sich vor ihm, und er betrat durch sie den Ort, an dem die Wesen gefangen waren, deren Bruder er einst war und die er aus seiner Welt verbannt hatte.
Eine große Halle tat sich vor ihm auf. Marmorne Säulen stützten eine weiße Decke. Eine breite Treppe führte nach oben in eine andere Etage. Munkar und Nakir standen auf ihr.
„Wir dachten uns schon, dass du hier irgendwann auftauchen würdest.“ „Wir haben unser kleines Gefängnis, in das du gesteckt hast, ein wenig an dich angepasst.“ Zorn schwang sichtbar in ihren Stimmen mit.
„Munkar, Nakir, Schluss mit den Spielchen. Bringt mich zu ihnen.“ Die Zeit war gekommen, dass er befahl.
„Dein Vater ist wütend.“
„Und dein Bruder ebenso, Azrael.“
Jetzt war er wütend. „Er ist nicht mein Vater, ein für allemal. Und was meinen Bruder betrifft... Asael ist kein Unschuldiger in dieser Sache. Er hat genauso viel Schaden angerichtet. Aber das versteht ihr nicht. Ihr seid nur Diener. Also erfüllt endlich eure Pflicht!“
„Du hast hier keine Macht! Dies ist nicht deine Welt, hier ist nichts, aus dem du schöpfen könntest!“
„So. Meinst du das, Nakir? Wir können es auch gerne gleich hier und jetzt ausprobieren.“ Sein Blick war kühl, emotionslos.
„Du bluffst doch! Wir haben hier die absolute Macht!“
Sie waren es, die blufften.
„Vergesst nicht, dass ich es war, der euch hier hergebracht hat. Ich allein, gegen eure gesamte Macht.“
Sie schreckten zurück. „Du...würdest dich damit selbst vernichten. Du könntest nicht mehr zurückkehren. Niemand könnte das mehr! Nicht hier!“
„Das ist mir bewusst“
„Das kann nicht dein Ernst sein!“ Nakir wurde bleich.
„Doch, es ist mein voller Ernst. Diesmal werde ich es ein für allemal beenden.“
„Du...DU BIST WAHNSINNIG!“
Nakir griff an. In seinen Händen materialisierte sich ein dunkles Schwert. Auch Munkar machte sich bereit. Er führte eine strahlende Lanze. Aber er hielt sich zurück.
„Ach Nakir, versteh es doch endlich. Allein kannst du gegen mich nichts ausrichten. Du hast es doch selbst gesagt. Ich bin die Waffe. Ich bin Azrael. Ich bin der Engel des Todes.“
Er griff zur Seite und zog seine Waffe scheinbar aus dem nichts. Eine Lanze aus purem Licht, mit einer Spitze lang wie die Klinge eines Schwertes. Azrael machte seinem Ruf alle Ehre. Als Nakir zum Schlag ausholen wollte, parierte er und rammte ihm das stumpfe Ende der Lanze in den Magen. Nakir ging sofort zu Boden. „Seht dies als eine letzte Warnung. Noch einmal werde ich euch nicht verschonen.“
„Was habt Ihr vor?“
Munkar war wieder in einen förmlichen Ton gefallen. Seine Lanze hatte er auf den Boden gestemmt und stützte sich darauf ab. Nakir kam langsam wieder auf die Beine. Azrael erhob die Stimme.
„Seit undenklichen Zeiten seid ihr schuld für Leid und Zerstörung. Ich diente euch nur als Waffe, um das Leid zu vermindern. Aber es hat scheinbar keinen Zweck. Immer, wenn ich erneut erwache, seid ihr schon wieder da und führt euren lächerlichen Krieg um mich. Die Gier nach Macht hat euch verblendet. Aber ich kenne jetzt einen Weg, um das zu beenden.“
„Wollt Ihr uns und Euch vernichten? Würdet ihr so weit gehen, Euer Leben und das Eurer Brüder auszulöschen?“ Munkar blickte entsetzt auf Azrael.
„Brüder? Ihr bekriegt euch seit Äonen, und nennt euch Brüder? Nein. Aber ich weiß jetzt, wie ich es beenden kann. Und dafür gebe ich mein Leben gern.“ Sein Ausdruck verfinsterte sich. Die Halle und die Säulen fingen an zu beben. Er selbst war wie in gleißendes Licht gehüllt. Seine Lanze hielt er mit beiden Händen über den Kopf.
„Munkar! Tu was!“ In Nakir’s Stimme stach die Panik heraus.
„Es hat keinen Zweck, er meint es ernst! Wir haben keine Chance gegen ihn!“ Die Luft vibrierte um die beiden Boten. Schwarze Blitze zuckten nun um die Säulen.
„Egal, wir müssen etwas tun, sonst sind wir alle verloren. Krieg hin oder her, greif ihn mit mir an!“
Munkar zögerte noch einen kurzen Augenblick, dann machte er seine Lanze bereit und stürmte zusammen mit Nakir auf den Engel, der ihr Ende verhieß, zu. Kurz bevor sie ihn erreichten, ließ er die Waffe sinken, und ein Lächeln legte sich auf sein Gesicht. Dann schossen Blitze auf sie zu.

Ihre Waffen bohrten sich tief in seinen Körper. Munkar war verwirrt. Der Blitz hatte ihn direkt getroffen, aber nichts war mit ihm geschehen. Nein, da war nicht ganz richtig. Etwas war mit ihm geschehen, er hatte etwas erhalten. Und dann begriff er.
„Du...du hast dich geopfert? Du hast dich treffen lassen? Wieso?“
Azrael hustete. Blut rann aus seinem Mundwinkel. „Das weißt du doch ganz genau. Damit ihr es endlich kapiert. Du und Nakir, die Boten der beiden Sturköpfe, die ihr Herren nennt...ihr habt zusammen gekämpft, anstatt gegeneinander. Zusammen seid ihr eins. Ihr seid Brüder. Deshalb habe ich euch ausgewählt. Ihr wart schon immer etwas einsichtiger als die anderen.“ Azrael sank auf die Knie. Nakir stand sprachlos da. Plötzlich ließ er das Schwert fallen und fiel selber auf die Knie. Tränen rannen über sein Gesicht. „Azrael...“
„Schon gut, Nakir. Bevor ich gehe, möchte ich euch noch etwas sagen. Habt ihr euch je gefragt, warum wir hier sind? Was vor uns war? Ich weiß es jetzt. Ich habe Sie gesehen. Ich habe Sie gehört. Die Stimme unserer Welt.
Kurz nachdem ich das letzte Mal erwachte, stieß ich auf alte Schriften, die von einer Göttin handelten. Normalerweise sind wir es, was die Menschen für Götter halten. Aber diese war anders. Sie war mir unbekannt. Doch bevor ich dem weiter nachgehen konnte, seid ihr mal wieder aufgetaucht und ich sah mich gezwungen, zu fliehen. Dazu musste ich meinen Körper aufgeben, und mein Geist irrte kurz umher. Aber dann fand ich etwas, was ich nie erwartet hatte. Ein Wesen, ein Wanderer wie ich, aber viel älter. Auch er lebte durch die Zeiten hindurch, und er hatte mich in all der Zeit beobachtet. Er erzählte mir vom Geist dieser Welt, von der alten Göttin, wie sie von den Menschen genannt wurde. Nur durch sie existieren wir. Und als wir uns zerstritten, traf sie das schwer, und sie verfiel in eine Art schlaf. Nur er, der Wanderer, war zurückgeblieben. Aber ich erwachte wieder viel zu schnell in dieser Welt und konnte nicht mehr erfahren. Zudem verlor ich meine Erinnerung. Aber mein neu gewonnener Verbündeter hat mich anscheinend noch rechtzeitig gefunden und mir den Ort gezeigt. Iunu. Dort, wo alles begann.“
Azrael machte eine Pause.
„Jetzt kennt auch ihr die Wahrheit. Und ihr habt mir gezeigt, dass nicht alles verloren ist. Nach all der Zeit muss doch nun einer von uns sterben, aber ich bin froh, dass ich es bin. Dafür bin ich dankbar, und ich kann endlich meinen Frieden finden. Ich habe euch beiden meine Kraft gegeben, damit ihr sie weitergeben könnt. Und jetzt geht. Geht zu euren Brüdern und bringt sie zur Vernunft.“
Seine Augen verloren an Schärfe, ein Schatten legte sich über seinen Blick. „Ja, jetzt sehe ich sie wieder“
„Azrael...“
„Geht endlich!“
Munkar und Nakir schauten sich an, dann verschwanden sie. Azrael viel nach vorne. Sein Herz schlug immer langsamer, seine Gedanken glitt in eine tiefe Schwärze.
Als sein Körper starb, erhob sich sein Geist, seine wahre Form, noch einmal. Nach einer Ewigkeit konnte er wieder seine Flügel entfalten. Und er war endlich glücklich. „Du kannst jetzt gehen, Wanderer.“ Neben ihm saß ein kleiner, roter Vogel. „Sag ihr meinen Dank. Ich hoffe, jetzt wird auch sie wieder glücklich.“
Als die Dunkelheit sich um den Geist des Engels schloss, flog auch der Vogel auf und kehrte zurück in seine Welt. Ein Streifen goldenen Lichts schimmerte noch in der Luft. Aller Schmerz war vergessen. Er sank in den tiefen Schlaf, auf den er so lange gewartet hatte. Den endgültigen Schlaf, aus dem es kein Erwachen gab. Alle Lichter erloschen.

EPILOG
Das Läuten einer Glocke in einiger Entfernung ließ ihn sich herumdrehen. Er lag auf einer Wiese, nahe einem kleinen Wäldchen. Der Boden war weich, das Gras, auf dem er lag, kitzelte ihn leicht, die Nacht war angenehm warm. Am Horizont erstreckte sich der goldene Streifen der aufgehenden Sonne. Dann schoss ihm eine Erinnerung in den Kopf und er schrak hoch. Er öffnete die Augen. Er öffnete sie in einer Welt, die er kannte. Er wunderte sich, wieso. Wieso konnte er die Augen öffnen?
„Hab keine Angst, diesmal wird niemand nach dir suchen.“
Der kleine rote Vogel ließ sich neben ihm nieder. „Ich möchte dir unseren Dank ausrichten. Und dass auch du glücklich wirst.“
„Aber warum bin ich hier? Ich habe meine letzte Kraft an Munkar und Nakir weitergegeben. Was ist aus den beiden geworden?“
„Mach dir keine Sorgen. Sie haben dein Erbe wohl vertreten. Und was dich betrifft...nun ja, sie mag dich wohl sehr. Wir haben dich ein Weilchen schlafen lassen, das waren wir dir irgendwie schuldig.“ Ein freundliches Lachen erklang. „Deine Brüder wissen nicht, dass du existierst. Und genaugenommen bist du auch keiner der ihren mehr. Sie hat dir eine neue Existenz gegeben. Du bist jetzt frei. Und auch ich bin nunmehr frei.“
„Das verstehe ich nicht ganz.“
„Seit Anbeginn der Zeit bin ich dein Wächter. Ich war immer in deiner Nähe.“
„Mein Wächter? Hatte jeder von uns einen?“
„Nein. Nur du. Und das aus gutem Grund. Du warst der Mächtigste von allen. Doch du hast das nie eigennützig eingesetzt. Selbst, als sich deine Brüder gegeneinander richteten, hast du deine Kraft genutzt, um sie zu schützen. Hättest du sie anders eingesetzt, wäre ich da gewesen, um dich zu vernichten.“
Azrael lachte. „Da hab ich ja noch mal Glück gehabt! Sie denkt wirklich an alles.“
„Und sie hatte Vertrauen in dich. Jetzt ist es an dir, über dein Schicksal zu entscheiden. Ich bin nicht länger dein Wächter. Es besteht kein Anlass mehr. Jetzt bist du es, der Wacht.“
„Wacht? Über wen?“
„Über das, was du ermöglicht hast. Über die Welt!“
Der kleine rote Vogel breitete die Flügel aus und flatterte in den Himmel, der aufgehenden Sonne entgegen. „Auf wiedersehen. Bruder.“
Ein milder Wind umtanzte sein Gesicht. Er sah in den Himmel auf.
„Frei. An deinen Humor muss ich mich noch gewöhnen.“

Ende.

Danke an alle, die diese Geschichte bis hier hin verfolgt haben.
Auch, wenn es kein kleiner roter Vogel ist – irgendwo da draußen ist jemand, der über euch wacht und euch beschützt. Ihr seid niemals allein auf dieser Welt.