Train Lag

Jeder, der einmal eine längere Strecke geflogen ist, kennt das Phänomen: Man kommt entweder an, wenn alle anderen müde oder fit und wach sind. Also immer genau das, was man selber nach dem Flug nicht ist. Jetlag nennt sich das dann, eine temporäre Verzögerung, während der das Leben der Anderen weiter geht. Aber warum beansprucht nur der Flugreisende dieses Leiden für sich, wo ein anderes Transportmittel diese Leistung ja vielleicht noch besser erfüllt?

Langstrecken-Pendler oder Vielreisende mit der Bahn können sicher ein Lied davon singen. Wo in Flugzeugen noch Programm geboten wird oder der ungewohnte Ausblick aus dem Fenster ablenkt, sitzt man in den Bahnwagons gelangweilt im Halbschlaf neben ständig wechselnden Sitznachbarn und starrt auf die bezaubernden deutschen Landschaften: Kaputte, versiffte Bahnhöfe, Wiesen, Wäldchen, Wiesen, Wäldchen, Käffer, Wiesen, Wäldchen, Plattenbauten, und wieder ein kaputter versiffter Bahnhof. Die Sitze werden anscheinend bewusst hart und unergonomisch konzipiert, auch wenn ein kleines, mit Klettband angeklebtes Deckchen über der Kopflehne suggeriert, hier könne man ruhen. Schaut man aber genauer, erkennt man die Hörner links und rechts, und man weiß sofort, wer für das Design verantwortlich ist. Auch die Armlehne in der Mitte der Sitze ist des Teufels. Man denkt an Privatsphäre, Trennung, aber auch Erholung für die Arme. Bis der Sitznachbar auf dieselbe Idee kommt und man auf einmal einen fremden, verschwitzen Arm auf seinem eigenen hat. Streit, Missgunst und Ekel, das ist die Idee dahinter! Und wenn man dann doch mal allein ist in seiner Reihe, kann man in den meisten Fällen die Lehne nicht richtig einklappen, um sich über beide Sitze auszustrecken. Selbst in "hochklassigeren" Zügen wie dem Intercity, in denen die Sitze doch ein Stück komfortabler sind, weiß man zu quälen: Der Rücken frohlockt, die Beine ächzen. Kein Platz zum Vordermann, den Füßen stellt man eine Stange in den Weg, die zum aufsteigen einladen soll, aber im Wadenkrampf oder dem eingeschlafenen Bein endet. Und hat man dann das Pech, hinter einem einen Passagier zu haben, verkündet der Rücken wieder seine Solidarität mit den Beinen. Da lobe ich mir die alten, ausgesessenen, aber weichen Sitzbänke in der "Bimmelbahn". Platz nach vorne, keine Trennstange, keine Fußböcke, keine Kopfhörner. Nur das konstante Rattern und Holpern über die Schienen, die einen in den Schlaf wiegen. Und den Bahnhof verpassen lassen, da man RB ja eher auf Kurzstrecken fährt. Der Teufel steckt im Detail.
Wer hingegen versucht, auf längerer Strecke zu schlafen, hat mit Sicherheit das Glück, auf einer der meistbenutzten Strecken des Kosmos fahren zu müssen. Ständig stehen die Sitznachbarn auf, der Zug hält quietschend, und neue Passagiere stürmen das Abteil auf der Suche nach DEINEM Sitzplatz. Und da auf der Leiste über dir nicht Reserviert steht, hast DU auch kein Anrecht, dort friedlich zu sitzen. Und sollte man in weiser Voraussicht eine Zeit gebucht haben, zu der normale Menschen schlafen, hat man garantiert 5 Personalwechsel auf 2 Halten.
Wo im Flugzeug halbwegs dekorative Servicekräfte ihr Werk tun, sind es bei der Bahn meist über-witzige Aushilfskellner vom McCafé, die ihren überteuerten Dosenkaffee dampfend unter den Leuten verteilen. Manchmal auch über. Mit klapperndem Wagen gutentagen sie so durch die Sitzreihen, dem Transportmittel gleich ist alle 5 Schritte Halt. Und die Frage, ob es ein Kaffee zum Wachwerden sein darf, ist in meinen Augen eine Einladung zu aktiver ambulanter Sterbehilfe, wenn man dank ihr aus dem Halbschlaf gerissen wird! Der Ausdruck "wie gerädert" sollte sinngemäß in "wie geschient" geändert werden.

Forscher fanden unlängst heraus, warum auf Flügen der Konsum von Tomatensaft weitaus höher ist als auf dem Boden. Der Druck ist geringer, die Rezeptoren auf der Zunge nehmen so das Salz und die Kräuter, also das herbe, muffige, weniger wahr. Nur der Geschmackssinn für Säure bleibt unverändert, und so schmeckt der Saft angenehm fruchtig.
In Zügen ist das etwas anders: Hier herrscht generell größerer Druck. Dies scheint die Geschmacksnerven in der Art zu beeinflussen, dass billige Plörre auf einmal Geschmack hat. Nicht der Tomatensaft wird im Übermaß konsumiert, sondern der Gestensaft aus dem Discounter, je billiger desto zischts. Sauer stößt es mir aber genauso auf.
Im Flugzeug wird zwischen Business und Economy Class unterschieden, in der Bahn ist die Trennung der Klassen menschlicher: Die einen schlürfen Bier auf dem Gang, die anderen prosten sich mit Rotkäppchen-Sekt und Häppchen zu. Aber jeder ist auf dieselbe Weise Mensch, niemand besser oder schlechter, alle gleich. Gleichsam nervig und passiv aufdringlich! Rollende Bierdosen, gegacker, klirrende Flaschen und Grüppchenbildung zwischen 2 Sitzreihen oder Abteilen. Und wenn einem mal zufällig der Koffer ausrutscht, ist man gleich der böse, typisch.

Und so steigt man dann aus Bahn oder Flugzeug aus, beides windschnittige Blechdosen mit Sardinenkomfort und eingebautem Weckservice mit kaputter Uhr, und es ist immer 5 Stunden später als man es gerne hätte.
In diesem Sinne, gute Nacht und Darf es noch etwas sein? Kaffee, Cappuccino, Cola? Kaffee, Cappuccino, Cola? Sie mein Herr? Kaffee….?

Euer Engel des Todes

22.4.10 20:33

Letzte Einträge: 4 You, In tiefer Anteilnahme zur baldigen Genesung, Trabanten in Oslo

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bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Bambi (22.4.10 20:54)
Also ich muss sagen, dass ich sehr gerne Zug fahre. Bei mir ist es meistens die Strecke Münchhausen-Marburg-Kassel, und ich habe mich an die Stunde Ruhe und Schlaf zwischen Marburg und Kassel mittlerweile richtig gewöhnt: Man kann in Marburg (oder bei der Rückfahrt in Kassel) sein Handy stellen auf "klingele in einer Stunde", und ich habe selten erlebt, dass ich in dieser Zeit irgendwie besonders gestört worden wäre. Und das unabhängig davon, ob ich nun den RE oder den IC nehme.
Trotzdem ist es natürlich so, dass Fahrten mit den vielfrequentierte(re)n Linien zu den falschen Uhrzeiten nervig sein können. Aber ich erinnere mich auch an die Zeit, als ich wöchentlich mehrfach von hier nach Darmstadt gefahren bin, Freitag nachmittags, und ich kann nicht sagen, dass ich besonders negative Erinnerungen hätte.
Kurzum: Ich stimme dir nicht zu. Aber das ist ja eine Frage der subjektiven Einschätzung.
Übrigens: Ich nehme eine Coke. Gibts die auch zum Nachfüllen? Oder geht das nur bei Subway?


Sansilein (23.4.10 17:44)
In den letzten 48 Stunden bin ich 14 Stunden zug gefahren.
Großer, du schreibst mir aus der Seele^^
Wobei mich das nicht stört.

Aber sehr schöner Beitrag *knuff


Lara (26.4.10 19:23)
Ich muss sagen, dass ich bei der Strecke Karlsruhe - Marburg oft Glück habe. In Karlsruhe komme ich eigentlich immer als Erste in den Zug hinein und suche mir meinen Platz. Und den neben mir verteidige ich! Und wiiiiie ich den verteidige.. Nachdem eine nette,...seehr nette, ältere Dame mir zwischen Karlsruhe und Weinheim einmal ihr komplettes Leben erzählt hat plus Eheprobleme, habe ich mir angewöhnt, meinen Nebenplatz mit dem Satz "Es kommt gleich noch jemand, ich warte noch!"zu verteidigen.
Von Marburg aus ist es nicht soo einfach aber es ist machbar. Bis Frankfurt steigen eigentlich auch alle wieder aus. Dann könnte ich einen kompletten Zug für mich reservieren!! :D
Wo ich dir jedoch sofort zustimmen kann (und auch muss!!) Ist dieser FURCHTBARE Kaffee.. schlafen ist sonst auch nicht, irgendjemand will immer was von dir. Ob es nun ein weiterer schrecklicher Kaffee ist oder ob diese guuuten Menschen nur zum 10. mal deine Fahrkarte ansehen möchten.
Musik darf man nicht hören, weil es ja aaaaaaaalle um einen herum stört(dabei höre ich es wirklich äußerst leise an!).
Lesen sollte man unterbinden solange Menschen um einen herum sind: "Was leeesen Sie denn da??? Ist das spaaaaaaaaannend?"
Und man lerne: NIEMALS neben nette, kleine, putzige Frauchen sitzen. Sie wollen dir entweder ihr Leben erzählen oder sie drehen dir schreeeeeeckliche BonBons/ Bananen ( aus 1980 ) an.
Aber an sich bin ich doch recht zufrieden mit der Bahn ( wenn man von diesem lustigen Englisch absieht! ). Sie bringen mich immer mehr oder minder pünktlich an mein Ziel.

Ich muss sagen: Guter Text!!


Murifex (1.5.10 08:28)
Jaja, man hörts sofort: Der Mann kennt sich aus und hat das hinter sihc und schreibt das nicht nur so. Kanns nur bestätigen.

Was den "überwitzigen" Mitarbeiter angeht: Ist da ein bestimmter auf der Strecke Marburg-Frankfurt gemeint, der mir auch so aufn Nerv geht?